Wahlimpressionen eines Hamburger Beobachters

"Dancing on the head of the pin" - das Tanzen auf der Nadelspitze: So beschreiben viele in der Zentrale der Demokratischen Partei in Washington das Kopf-an-Kopf-Rennen bei der US-amerikanischen Präsidentschaftswahl 2004. In der Nacht der Entscheidung können wir vor Erschöpfung kaum noch geradeaus sehen. Die Spannung hält uns wach. Sie ist mit Händen zu greifen. Es gibt wohl kaum jemanden im Wahlkampfquartier der Demokraten, der von sich behaupten könnte, in den vergangenen Wochen auch nur annähernd ausreichend zur Ruhe gekommen zu sein. Zu sehr haben die Helfer diesem Tag entgegengefiebert.
 
Um 1 Uhr nachts deutscher Zeit werden von allen führenden Nachrichtensendern die ersten Prognosen für die Ostküste der USA gesendet. Es besteht kein Grund zur Panik: Bush gewinnt die für die Republikaner sicheren Bundesstaaten Georgia, Indiana und Kentucky und liegt gleich zu Beginn mit 32 zu drei Stimmen in Führung. Kerry gewinnt Vermont, ebenfalls keine Überraschung. Der Kampf um die hart umkämpften Bundesstaaten hat noch nicht begonnen. Wir pumpen uns wechselweise mit Kaffee und Diät-Cola voll. Alle Fernsehkanäle werden auf Leinwände projiziert - ein Entkommen ist weder gewollt noch möglich.
 
Halbstündlich werden die sicheren Hochrechnungen in die Datenbanken der Nachrichtensender eingespeist und von dort den Zuschauern präsentiert. Die Wahlmännerstimmen für beide Kandidaten nähern sich schnell der 200-Marke. Bush hat fast immer die Nase vorn. Denn die Republikaner können in mehr Bundesstaaten punkten, die aber dünner besiedelt sind. Und in diesen Staaten ist schneller ausgezählt. Noch ist es keinem der beiden Kandidaten gelungen, dem anderen Lager einen sicher geglaubten Bundesstaat zu "stehlen".
 
Es dauert bis kurz nach 6 Uhr MEZ, bis dies John Kerry mit New Hampshire gelingt. Vier Wahlmännerstimmen, die nicht fest für die Demokraten gebucht waren - das gibt den gestreßten Demokraten rings um mich herum einen Schub. Die Euphorie hält sich dennoch in Grenzen. Denn zu sicher gewinnt Bush alle anderen Bundesstaaten, die man im Vorfeld den Republikanern zugerechnet hatte. Dann ein Paukenschlag: Bush siegt in Florida mit einem Abstand von mehr als 300 000 Stimmen. Florida ist verloren, daran gibt es jetzt keinen Zweifel mehr. Ein wichtiger Vorteil für Bush. Von den übrigen zwei umkämpften Bundesstaaten - Pennsylvania und Ohio - müssen nun beide gewonnen werden, um im Rennen zu bleiben. Erstmals wird im Hauptquartier der Demokraten von einer möglichen Niederlage gesprochen. Hoffnung keimt zwischenzeitlich auf, als Kerry in Pennsylvania zum Sieger erklärt wird. Alle Augen richten sich nun auf Ohio, wo Bush immer noch relativ deutlich führt.
 
Noch in der Nacht brechen in Privatjets die Strategen der Demokraten, begleitet von einer Armada von Rechtsanwälten, nach Ohio auf, um dort das zu retten, was zu retten ist. Die Überprüfung wird erst, zusammen mit den bis dahin eingehenden Briefwahlstimmzetteln, am elften Tag nach der Wahl stattfinden. Die Vermutung scheint Wahrheit zu werden: Was Florida im Jahr 2000 war, in diesem Jahr ist es Ohio. Die Wahl ist noch nicht endgültig entschieden.