Vertrauen oder Ohnmacht

Die Zwickauer Neo-Nazis lebten mehr als ein Jahrzehnt unentdeckt in Deutschland, ermordeten kaltblütig und offenbar akribisch geplant zehn Menschen, zündeten Bomben und verherrlichten auch noch in einem abstoßenden Film ihre Taten. Schockiert und fassungslos sind wir derzeit alle nur Betrachter. Fast an jedem Tag kommen neue Einzelheiten ans Tageslicht - Erkenntnisse, die noch bis vor Kurzem von den Ermittlungsbehörden als „nicht tragfähig“ abqualifiziert und damit nicht weiter verfolgt wurden.Fest steht aber schon jetzt: Die Taten der Zwickauer Nazi-Trios haben viel kaputt gemacht. Für viele Menschen ist die Welt, die Sicherheit und Vertrauen bieten soll, in sich zusammengefallen. Ohnmacht macht sich breit. Offen werden über „erhebliche Fahndungspannen“ zwischen den Ermittlungsbehörden gesprochen, die noch verheerender wirken, wenn man die schiere Anzahl der Fehler, Fehleinschätzungen und die lange Zeitspanne zugrunde legt. In diesen Tagen wird viel von Vertrauen gesprochen, das verloren gegangen sei: in die staatlichen Behörden, in Polizei und auch in die Politik. Das ist schlimm, denn die Feststellung ist berechtigt. Nichts hält eine Gesellschaft mehr zusammen als Vertrauen: zueinander, miteinander, aber eben in auch jene Behörden und staatliche Stellen, denen man vertrauensvoll das Mandat für die Herstellung von Sicherheit und Aufklärung erteilt.

Neun Ermordete waren Bürger mit ausländischen Wurzeln, die meisten von ihnen blickten auf eine unauffällig normale Einwanderungsgeschichte zurück. Sie kamen in der Regel als Kinder nach Deutschland, gründeten irgendwann Familien und lebten mit ihren Angehörigen ein selbstbestimmtes Leben. Ihre Lebensgeschichten mögen unauffällig gewesen sein, dennoch waren ihre Leben individuell.

Wenig differenzierend und wenig motiviert, eingefahrene Ermittlungspfade zu verlassen, gingen der Verfassungsschutz und die Polizei in ihrer Arbeit vor. Das Ergebnis dieser Verengung ist bekannt. Das schafft kein Vertrauen, das schafft sie ab. Mit allen Erkenntnissen aus den Taten und den Umständen, die diese begünstigten, müssen nun Konsequenzen folgen, die auch eine mögliche Umstrukturierung der Sicherheitsbehörden nach sich ziehen können. Ein besseres Miteinander der Ermittlungs- und Sicherheitsbehörden muss organisiert werden, dass müssen die Entscheidungsträger in der Politik einfordern. Denn nur so kann verloren gegangenes Vertrauen wiederhergestellt werden. 

 Der Autor Tayfun Tülek hat Politikwissenschaft in Bremen und Nottingham studiert.