50 Jahre Deutsch-Türkisches Anwerbeabkommen

In diesem Jahr wird der 50. Jahrestag des Deutsch-Türkischen Anwerbeabkommens gefeiert. Mittlerweile wird ja sogar von einem Jubiläum gesprochen. Das ist schön - und Anlass, in vielen Berichten und Dokumentationen, die Geschichte der ersten Generation der angeworbenen Türken zu zeigen. Viele Lebensgeschichten scheinen gelungen, was man daran sieht, das durchaus häufig und stimmungsvoll gezeigt wird, was aus der ersten Generation denn heute so geworden ist: Mittlerweile lebt hier die dritte Generation, die meisten (Enkel-) Kinder kamen in Deutschland zur Welt, sie sprechen besser Deutsch als Türkisch, sie sind keine Ausländer mehr, und sie betrachten Deutschland als ihre Heimat.

Ein wenig Wasser in den Wein haben jedoch Wissenschaftler des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung gekippt. In einer Studie, in der verschiedene Migrantengruppen verglichen werden, stellten sich folgende Ergebnisse heraus: 30 Prozent der Türken und Türkischstämmigen in Deutschland haben demnach keinen Schulabschluss, nur 14 Prozent das Abitur - nicht einmal halb so viele wie in der deutschen Bevölkerung, weniger auch als bei den anderen Zuwanderergruppen. Auch haben Menschen mit türkischem Migrationshintergrund im Vergleich zu anderen Migrantengruppen geringen Erfolg im Erwerbsleben: Sie sind häufig erwerbslos, die Hausfrauenquote ist hoch, überproportional viele sind abhängig von Sozialleistungen.

Das nennt man Ernüchterung.

Ein paar Argumente weder dafür noch dagegen, sondern nur der Versuch zu erklären:

1. Türkische oder türkischstämmige Bürger sind viel selbstkritischer als gemeinhin vermutet. Sie sehen viele Fehlentwicklungen im Zusammenhang mit ihrer Integration auch, und anders als in den 60- oder 70er Jahren wissen auch sie, dass sie nicht gekommen sind, um irgendwann wieder "zurückzugehen" (ursprünglich sah das Anwerbeabkommen vor, dass die türkischen Arbeiter nach zwei Jahren „ausgetauscht“, d.h. mit neuen Arbeitern aus der Türkei ersetzt werden). Sie bleiben hier und wollen ihren Beitrag zu einer deutlichen besseren Integration leisten.

2. Erst seit 2005 gibt einen differenzierten Mikrozensus (!), der die Lebenswirklichkeit vieler Millionen eingewanderter Menschen in Deutschland, die seit Jahrzehnten in Deutschland leben, beleuchtet. Diese „Verspätung“ hat sicherlich wohl auch mit der Angst zu tun, eingewanderte Bevölkerungsgruppen näher und spezieller zu betrachten – und hochoffiziell womöglich Defizite zu erkennen. Deutschland muss aber genau dazu mehr Mut haben. Das ist nicht ausländerfeindlich, sondern stellt eine wichtige empirische Grundlage dafür dar, Fehlentwicklungen entgegensteuern zu können.

3. Es mangelt bei sehr vielen türkischen Familien immer noch an informellem Wissen: Was kann ich selbst tun, um meinem Kind Freude am Lernen zu vermitteln? Wie kann ich es selbst in den ersten Lebensjahren fördern und auf die Schule vorbereiten? An wen muss ich mich wenden, wenn ich mein Kind schulisch fördern möchte? Wo gibt es Nachhilfe- oder Sprachunterricht? Wo kann man mir in meinen Erziehungs- und Bildungsfragen helfen? Wie schaffe ich es, ein lernfreundliches Umfeld zu schaffen? Was ist überhaupt ein lernfreundliches Umfeld?

4. Die Studie zeigt - wie so viele etliche andere - dass gesellschaftlicher Aufstieg und Integration nur durch Bildung gelingt. Schulen können es jedoch nicht allein schaffen, in den Köpfen der Familien Schule und Bildung als Top-Priorität zu verankern. Aufsuchende Elternarbeit ist gefragt. Gute Schulen fangen in den Elternhäusern an. Aber sehr viele türkischstämmige Elternhäuser sind enorm bildungsfern. Wir müssen in diese Familien hinein Brücken bauen. In der Vergangenheit gab es vielversprechende Projekte wie „Hippy" oder Stadtteilmütter, die genau diese Ziele erreicht haben. Leider sind diese Projekte hoffnungslos unterfördert.

5. Der traurige Trend, dass immer noch sehr viele türkische Männer, in ihren "Heimatländern" heiraten und ihre Ehefrauen "importieren", schwächt die unter Punkt 4 genannten Defizite leider nicht ab. Diese Ehefrauen werden schnell Mütter und kennen das Bildungs- und Unterstützungssystem in diesem Land nicht. Folglich geben sie wichtige Impulse (Sprache, Bildung etc.) nicht an ihre Kinder weiter. Die dritte Generation der hier lebenden türkischen Kinder spricht schlechter Deutsch als die zweite Generation! Damit bleiben die Integrations-Hürden in der nächsten Generation dieser Familien gleich hoch und sind wieder nur schwer zu überwinden.

6. Soziale Herkunft entscheidet immer noch viel zu sehr über den schulischen und akademischen Werdegang. Türkischstämmige Kinder stammen überwiegend aus sozial schwachen und bildungsfernen Familien. Das deutsche Schulsystem richtet sich leider nur sehr langsam darauf ein, gezielt Talente zu fördern, (Sprach-) Defizite zu schließen und den kulturellen Hintergrund der Schülerinnen und Schüler in ihre tägliche Arbeit einfließen zu lassen. Es wundert nicht, denn diese Punkte werden in der Lehrerausbildung kaum angemessen berücksichtigt. Noch immer kommen in der Lehrerausbildung Dinge wie beispielsweise kulturelle Kompetenz, Umgang mit Mehrsprachigkeit und Religion kaum vor. Es gibt kein Allheilmittel, klar. Dennoch: Steuerte man an dieser Stelle entschieden dagegen, würden definitiv mehr türkischstämmige Kinder zu höheren Bildungsabschlüssen kommen.

7. Integrationsdefizite haben soziale Ursachen: die Konzentration einiger Migrantengruppen in bestimmten Stadtvierteln ist nicht primär Ausdruck eines Abschottungswillens der Betroffenen, sondern hat etwas mit dem typischen Verlauf von Migrationsprozessen, der Einkommenssituation und der Miethöhe zu tun. Das Problem manifestiert sich, wenn die Betroffenen diesen Milieus nicht durch „Integration“ und „Aufstieg“ entwachsen können, sonders dort perspektivlos verharren. Wenn man hier entgegenwirkt, schafft man es auch, unfreiwillig hervorgerufenen Abschottungen entgegenzuwirken. Integration ist und bleibt eine sehr vielschichtige Querschnittsaufgabe.